Der Aufbruch 1989 war prägend

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Meine grüne Geschichte begann noch in einer Zeit, in der es zunächst unvorstellbar schien, jemals grüne Politik machen zu können. Geboren und aufgewachsen in der DDR wurde ich politisiert in einem System, das beherrscht war von einer geltenden offiziellen Meinung, nämlich jener der SED. Doch schon als Schüler, also politisch interessierter „Agitator“ der Klasse und Mitglied des „Freundschaftsrates“ der Schule wollte ich nicht die EINE Meinung hinnehmen. Mir wurde klar, dass es notwendig ist, sich selbst zu engagieren, sich einzumischen, wenn einem die Verhältnisse stinken . Und das taten sie kräftig, so zum Beispiel in Form verschmutzter Gewässer, wie ich sie in meiner damaligen Heimat, dem Oderbruch östlich von Berlin, erleben musste. Und so war es die Verschmutzung der „Alten Oder“ durch Abwässer aus einer Rindermastanlage, die mich - damals noch als Schüler - erstmals zur Schreibmaschine greifen ließ  Das Flüsschen, das meine Heimatstadt Wriezen durchfließt, trug Schaumkronen und roch fürchterlich. Dies wollte ich nicht akzeptieren, gab es doch auch in der DDR strenge Gesetze zum Schutz der Gewässer. Mit einem Artikel im „Neuen Tag“, der Tageszeitung des Bezirkes Frankfurt/Oder, machte ich auf die Missstände aufmerksam.

Die folgenden Jahre 1988 bis 1990 waren prägend für meinen weiteres Leben. Insbesondere der politische Aufbruch im Jahr 1989 war die Initialzündung für mein politisches Engagement.

 

Ein System zerbricht, etwas Neues beginnt

1988 wurde ich zum Wehrdienst nach Schwerin einberufen. Die Monate bei der Armee zeigten mir ein anderes Antlitz des „realen Sozialismus“. Die Widersprüche zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit der sozialistischen Gesellschaft, die ich schon als Jugendlicher u.a. mit Ferienjobs in zahlreichen Betrieben der Ernährungswirtschaft selbst erfahren hatte, wurden in der Kaserne wie durch eine Lupe fokussiert. 1986 geschah die Katastrophe in Tschernobyl, ich las nun bei stundenlangem Ausharren auf den Wachtürmen des Regiments Christa Wolfs „Störfall“, die „Die Richtstatt“ von Tschingis Aitmatow und Stephan Heyms „Die Architekten“. Es lag Veränderung in der Luft. Greifbar. Fühlbar. So konnte es nicht weitergehen. Und ich wollte Teil dieser Veränderung sein. 1989 desertierte ich. Nach einem Heimaturlaub, bei der ich einen Unfall erlitt und lange im Krankenhaus war, kehrte ich im September 1989 nicht in die Kaserne nach Schwerin zurück. Schon in dieser Zeit herrschte offenbar Chaos im „Wehrkreiskommando“. Die Ereignisse des November 89 warfen ihr Licht voraus. Man vergaß mich glatt. Normalerweise wäre ich gewaltsam „zugeführt“ worden. Im schlimmsten Fall drohte der Militärknast in Schwedt. Glück gehabt. Die Ereignisse überschlugen sich. Die Vormachtstellung der SED bröckelte. Ich erlebte diesen Wandel hautnah in meiner Heimatstadt, in der es zu Demonstrationen kam und ich das erste Mal in meinem Leben eine freie und offene Bürger*innenversammlung erlebte, bei der Klartext gesprochen wurde und bei der auch ich mit klopfendem Herzen das Wort ergriff.  In dieser Zeit gründete sich die „Grüne Partei“ in der DDR. Und mir war sofort klar. Das ist meine politische Heimat.

Meine erste Demo 

Weiter ging es mit meiner ersten freien Demo gegen die Beeinträchtigung von Natur. Ein Aktionsbündnis um den unvergessenen Systemkritiker und Umweltaktivisten Reimar Gilsenbach wendete sich gegen die Durchführung der „Pneumant-Rallye“, einer Motorsportveranstaltung im Landschaftsschutzgebiet „Schorfheide-Chorin“, dem späteren Biosphärenreservat. Hier erlebte ich das erste Mal, wie Menschengruppen mit unterschiedlichen Interessen scheinbar unversöhnlich aufeinandertreffen. Wir demonstrierten mit Bannern friedlich an der Rennstrecke und sperrten mit Sitzblockaden die Strecke. Die „Motorportfans“ wüteten, versuchten uns gewaltsam von der Strecke zu drängen, griffen Journalisten an, die das Geschehen mit Kameras dokumentieren wollten. Freie Presse und das Recht auf Widerstand waren bei zahlreichen Mitbürger*innen noch Fremdworte. Auch hierüber schrieb ich einen Artikel für die Tagespresse (Siehe Abbildung).

Das erste Mal "Kandidat"

Dann die ersten freien Wahlen in der DDR, für mich eine unvergessliche und beeindruckende Zeit. Zunächst die Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990, bei der die Grünen im Wahlbündnis mit dem Unabhängigen Frauenverband (UFV) antraten. Erstmals intensive Parteiarbeit. Planung des Wahlkampfes im Kreisverband der Grünen. Plakatieren an Litfaßsäulen mit selbst angerührtem Mehlkleister, der nichts taugte, doch wollten wir besonders umweltfreundlich sein. Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Wahl zur Volkskammer – Grüne und UFV erreichten zusammen gerade mal 1,96 Prozent der Stimmen – ging es auf die ersten freien Kommunalwahlen zu (Mai 1990). Und ich wollte Verantwortung übernehmen und kandidierte für die Grüne Partei um einen Sitz im Kreistag des Kreises Bad Freienwalde/Oder. Erstmals Arbeit an einem Wahlprogramm, erstmals freie und offene Wahlforen mit Darstellung der eigenen Position, erstmals Auseinandersetzung mit den politischen Mitbewerber*innen. Doch auch bei den Kommunalwahlen waren grüne Positionen nicht mehrheitsfähig. Ein Mandat verfehlte ich.


Ausbildung, Berufseinstieg und Wiederkehr

Und so endete meine erste intensive Phase grüner Politik. Im Herbst 1990 begann ich mein Biologie-Studium in der Stadt des aufrührigen Herbstes 1989, in Leipzig. Meine Aufmerksamkeit lag nun auf anderen Dingen, auf dem Bewältigen des Studiums, dem Aufsaugen der bunten und quirligen Kulturszene der Stadt, auf der ersten Wohngemeinschaft mit der damaligen Freundin, auf dem späteren Wechsel nach Greifswald und dem Einstieg ins Berufsleben.

Mein politisches Engagement bei Bündnis 90/Die Grünen lebte erneut auf, als meine jahrelange umweltpolitische Arbeit bei Verbänden, Vereinen und Initiativen nur eine Konsequenz zuließ: den Schritt der Grünen ins Parlament zu begleiten. Das war im Jahr 2010, als mich Ulrich Söffker nach einem gemeinsamen Termin in Schwerin fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für den Landtag zu kandidieren. Diese Frage kam für mich überraschend, aber traf mich nicht ganz unvorbereitet, denn hatte ich doch bei zahlreichen Initiativen und Kampagnen im Auftrag des BUND intensiv mit der Partei kooperiert. Gemeinsam hatten wir viele Erfolge errungen, allen voran der Sieg über das geplante Steinkohlekraftwerk in Lubmin bei Greifswald. Noch hatte ich nicht intensiv darüber nachgedacht, mit einem Mandat für Bündnis 90/Die Grünen aktiv zu werden. Doch Uli kannte seine Pappenheimer und wusste, wer grüne Politik glaubhaft vertreten könnte. Doch gleich in den Landtag? Nein, das traute ich mir (noch) nicht zu. Doch für den überfälligen Einzug der Grünen ins Parlament engagieren wollte ich mich und das mit aller Kraft. Nun wurde ich Parteimitglied der gesamtdeutschen Grünen und zog mit ihnen in einen aufregenden, engagierten Wahlkampf voll Kreativität und Hingabe. Unvergessen die gemeinsame Radtour der grünen Kreisverbände durch’s Land mit Wahlplakaten im Schlepptau der Fahrräder und mit vielen tollen Begegnungen.


Immer am Puls grüner Kommunal- und Umweltpolitik

In dieser Zeit begann ich mein ehrenamtliches Engagement als sachkundiger Bürger für die grüne Fraktion in der Stadtvertretung in Schwerin. Dies war auch Konsequenz meines jahrelangen Streitens für eine naturverträgliche Bundesgartenschau 2009 in Schwerin.  
Nach dem erfolgreichen Einzug einer bündnisgrünen Fraktion in den Landtag wollte ich mitgestalten, meine Erfahrung einbringen und bewarb mich um die Tätigkeit als Fachreferent für die Politikbereiche "Agrarausschuss, zzgl. Umwelt, Wasser, Naturschutz, Land- und Waldwirtschaft". Ich bekam die Chance und vier aufregende und arbeitsreiche Jahre folgten. An der Seite unserer sieben Landtagsmitglieder, insbesondere Ursel Karlowski und Jutta Gerkan, entwickelte ich zahlreiche parlamentarische Initiativen, mit denen wir der Landesregierung gehörig einheizten. Erinnert sei hier an unsere wirksamen Kampagnen zu den Themen Strahlensicherheit von Wendelstein 7-X, Gewässerschutz, Flächenpolitik in der Landwirtschaft, Industrielle Tierhaltung, Sondermülldeponie Ihlenberg und viele mehr.
Seit jener Zeit arbeite ich in der grünen Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz und Landwirtschaft, betreute zahlreiche Partnerinnen und Partner in Verbänden, Bürgerinitiativen und vielen anderen Institutionen.
2014 gelang mir dann der Sprung ins Stadtparlament von Schwerin. 5 Jahre und mehr engagierte ich mich intensiv in der Stadtpolitik, trat dann 2019 erneut an und obwohl mein Gesicht nicht auf Plakaten erschien, wollten mich unsere Wähler*innen erneut in der Stadtvertretung sehen – für mich ein Zeichen, dass meine Arbeit zuvor nicht ohne Wirkung geblieben war. Dieses Votum gab mir neuen Schwung und beflügelt mich weiterhin, mit grüner Politik für meine Mitmenschen ehrenamtlich tätig zu sein.



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